Fragen, Antworten, Tipps und Tricks
Apr
26

Im Verlaufe der geschlechtsangleichenden Massnahmen kommt man mit viel Glück irgendwann soweit, dass Aussenstehende einem die transsexuelle Vergangenheit nicht mehr ansehen. Da Diskriminierungen mehr oder weniger zu unserem Alltag gehören oder zumindest stets das Risiko besteht, gehen Einige einen relativ radikalen Weg der sich “Deep Stealth” nennt. Dieser Ausdruck kommt soviel ich weiss vom Geheimdienst und bedeutet sinngemäss “vollumfängliches Untertauchen”. Der Gedanke dahinter ist der, dass man seine Vergangenheit nie loswird, solange man von Menschen umgeben ist, die davon wissen. So gibt es die Möglichkeit, in eine andere Stadt zu ziehen, die Kontakte zum sozialen Umfeld inklusive Familie zu beenden und sozusagen ein neues Leben anzufangen. Es liegt auf der Hand, dass man dafür einen hohen Preis zahlt, man verliert alle Menschen die einem viel bedeuten. Dafür lockt die Möglichkeit, ein Leben als “normale Frau” führen zu können, die nie wieder an ihre Vergangenheit erinnert wird und vorallem nicht Opfer von Gewalt oder Diskriminierung wird aufgrund ihrer Geschichte.

Ich persönlich halte diesen Weg für sehr gefährlich, aus mehreren Gründen.

Verlust des sozialen Netzwerks
Einerseits verliert man wie gesagt alle Freunde, das ganze soziale Netz ist von heute auf morgen weg. Niemand mehr der mit einem lacht oder weint, man ist ganz auf sich alleine gestellt, zumindest bis man ein neues soziales Netzwerk aufgebaut hat. Gerade für transsexuelle Menschen dürfte das sehr schwer sein. Aber diesen Aspekt kann man überstehen, man hat dafür das Zückerchen, dass man neue Freunde findet, die einem dann als 100%ige Frau wahrnehmen und nicht für ewig diesen Kerl in ihrem Hinterkopf behalten, der man scheinbar einmal gewesen sein soll.

Wenn alles vergebens war
Ein weiteres Risiko liegt darin, dass man nie wirklich sicher sein kann, ob man nicht doch irgendwann “entdeckt” und geoutet wird. Dann hat man zwar alles obgenannte verloren, aber nichts dazu gewonnen. Was bleibt ist die nächste Flucht. Auch dieses Risiko ist tragbar, eben weil man notfalls einen nächsten Versuch machen kann, aber damit nimmt man wieder einen langen und beschwerlichen Weg auf sich.

Der Paranoia-Faktor
Für mich der wesentlichste Faktor ist jedoch, dass man so ständig in Angst leben muss. Ein neu aufgebautes Leben “ohne Makel” kann von heute auf morgen zerstört werden. Das führt meines Erachtens schon fast zwangsläufig zu permanenter Angst, entdeckt zu werden – bis hin zum pathologischen Verfolgungswahn. Bei jeder Begegnung und jedem Gespräch muss man befürchten, dass etwas schief läuft und das ganze Kartenhaus auseinander fällt. Ich persönlich würde dabei durchdrehen, so gut kenne ich mich (was nicht heisst, dass Andere nicht damit umgehen können). Ich würde mich völlig verrückt machen und die Angst würde mir wie ein Schatten folgen. Dieser permanente Stress kann extrem zermürbend sein – ausser man hat Nerven wie Drahtseile.

Die Alternative – aufklären und standhalten
Aus obgenannten Gründen habe ich einen anderen Weg gewählt, ich tue genau das Gegenteil. Wer auch immer mich kennenlernt und es nicht von alleine merkt, wird von mir relativ schnell informiert. Nicht, weil ich glaube, eine Rechenschaftspflicht zu haben, sondern weil ich ebendieser Angst entgehen will. Ich bin eine transsexuelle Frau, habe mir das nicht ausgesucht und muss mich nicht dafür schämen. Dazu kann und darf ich stehen. Wenn jemand damit nicht klar kommt, kann er mir den Buckel runter rutschen, ich brauche keine Leute die so intolerant sind. Wenn ich in mein Stamm-Pub gehe, muss ich mir unterwegs und vor Ort keine Sorgen machen, entdeckt zu werden, man kennt mich und weiss wer und wie ich bin. Meine Erfahrung zeigt, dass die überwältigende Mehrheit mich genauso annimmt wie jede andere Frau. Diese Offenheit gibt mir enorme Freiheit und Gelassenheit, es gibt nichts zu verbergen, nichts zu entdecken, ich bin so wie ich bin und stehe zu mir und zu allen Fascetten meiner Wesensart. Deshalb kann ich es mir auch leisten, so ein Blog zu führen inklusive Fotos, auf denen man mich erkennen kann und wird. So what?

Selbst-Akzeptanz
Ich glaube, wenn man beginnt seine Transsexualität zu verstecken, beginnt man vor sich selbst davon zu laufen und man hört auf sich selbst zu respektieren als das was man ist, eine transsexuelle Frau die genauso gut oder schlecht ist wie Andere, die positive und negative Seiten hat, die geliebt und verachtet wird, eigentlich etwas was allen Menschen angedeiht. Wir sind TwoSpirits, Menschen die auf ihre Weise ganz speziell sind, die diese Welt aus zwei Seiten betrachten können. In vielen Kulturen würden wir geehrt – sollen wir diese unsere Eigenart verstecken, nur weil die westliche Kultur das nicht zu schätzen weiss? Nein, wir sind nicht besser als Andere, aber wir sind auch nicht schlechter, wir sind einfach anders, das ist Ausdruck inserer Individualität – dem Grundrecht eines jeden Individuums.

Oder doch Deep Stealth?
Man möge mich hier nicht falsch verstehen, wie bei allem was ich schreibe, ist es meine subjektive Meinung. Mein Weg kann und darf nicht Euer Weg sein, jede von uns ist ihres eigenen Glückes Schmied. Die Einen müssen das tun, was Andere nicht können, da gibt es kein richtig oder falsch. Ich denke, wenn es jemandem gelingt, so ein ganz neues Leben aufzubauen und wenn diese Person stark genug ist, die daraus resultierende Angst zu überwinden, dann kann das zu einem unbeschreiblich glücklichen Leben führen. Aber ich befürchte, dass sich die Meisten damit gehörig die Finger verbrennen würden und rate deshalb davon ab – nicht als allgemeingültiger Ratschlag sondern als Hinweis, sehr gut darüber nachzudenken, auf welche Weise man ein ruhigeres Leben führen kann.

Oder einmal mehr der goldene Mittelweg?
Vielleicht wäre für Viele sogar eine Mischung aus beiden Extremen der goldene Mittelweg. Warum nicht in eine neue Stadt ziehen, eine neue Arbeitsstelle annehmen und sich nicht outen. Warum nicht die wirklich guten Freunde und Verwandten behalten, in der Gewissheit, dass sie zwar den Kerl der Vergangenheit nie vergessen, einem aber nichtsdestotrotz lieben und schätzen? Wichtig dabei ist meines Erachtens nur eines, sich nicht darauf zu versteifen, dass man ja nie geoutet wird. Denn irgendwann wird es vermutlich soweit kommen und dann gibt es nur eine Lösung: Zu sich selbst stehen, mit erhobenem Haupt und sagen:

Ja, ich bin eine transsexuelle Frau – so what?



3 Responses to “Deep Stealth oder Aufklärung?”
  1. 1
    Sam Says:
    12:25

    eine so radikale Auslöschung meines Lebens nur für den Preis des ziemlich wackeligen “Nicht erkannt werdens” wäre für mich nicht denkbar… ich denke da so wie du… ich bin ein transsexueller Kerl… ich bin nicht anders.. ich bin besonders… so what!! .. toller Beitrag… ich werde in meinem Blog auch darüber schreiben.. hatte ich schon vor weil ich mal auswandern wollte…aber nicht um zu flüchten sondern weil ich gerne woanders leben wollte…

  2. 2
    Diana Says:
    17:29

    @Sam: der Gedanke schwirrte auch schon durch meinen Kopf und ich verstehe alle, die diesen Weg gehen. Ich spüre selber wie gross der Unterschied ist zwischen denen die mich von früher her kannten und denen die mich erst in heutiger Gestalt kennenlernten. Erstere kriegen den Kerl von damals nicht aus dem Kopf, der bleibt immer hängen. Die Akzeptanz ist zwar enorm, aber ich merke selber wie angenehm es ist, wenn mich jemand nur so kennt wie ich heute in Erscheinung trete. Und diese “Neuen” wissen, dass ich ein T-Girl bin, es wäre wohl noch extremer, wenn sie es nicht wüssten. Aber eben, ich für meinen Teil würd mich so in eine Paranoia reiten und zwar im gestreckten Galopp.

  3. 3
    chantal Says:
    21:45

    Hi ihr

    ich brauchte fast 31 jahre bis ich mein wares ich heraus finden durfte.ich hab mich überall ohne probleme geoutet und die menschen mann oder frau
    konnten mich zum teil verstehen und tollarieren mein wesen.niemand kann für sein wahres ich dafür
    und man muss sich auch nicht rechtfertigen.
    sogar mein chef hat sich bedankt für meine ehrliche offenheit mit reden kommen menschen zusammen.ich gehen jetzt schritt für schritt richtung komplette frau ich freue mich so sehr das ich mein lebenlanges leiden ein ende bereiten konnte.ich bekam ein zweites leben und eine neue chance geschenkt.natürlich verliere ich jetzt meine frau dich sehr fest liebe.ich kann sie so nicht glücklich machen als frau weil sie wünscht sich eine familie die ich ihr nicht geben kann.
    darum werden wir uns im guten trennen.die flucht ist keine lösung sie holt jeden irgend wann wieder ein und das problem beginnt von neuem darum muss man stark sein und sein glück ganz fest in den händen behalten.ich werde jetzt langsam beginnen mein eigenes tagebuch zu schreiben und meinen mit menschen irgend wann präsentieren das sie vielleicht das thema transsexualität besser verstehen zu können und das wir keine verrückten menschen sind sonder ganz normal geschöpfe die ihr glück suchen.

    lg an meine gleich gesinnten männer und frauen
    in liebe eure chantal

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