Fragen, Antworten, Tipps und Tricks
Apr
26
By: Diana | Discussion (3)

Im Verlaufe der geschlechtsangleichenden Massnahmen kommt man mit viel Glück irgendwann soweit, dass Aussenstehende einem die transsexuelle Vergangenheit nicht mehr ansehen. Da Diskriminierungen mehr oder weniger zu unserem Alltag gehören oder zumindest stets das Risiko besteht, gehen Einige einen relativ radikalen Weg der sich “Deep Stealth” nennt. Dieser Ausdruck kommt soviel ich weiss vom Geheimdienst und bedeutet sinngemäss “vollumfängliches Untertauchen”. Der Gedanke dahinter ist der, dass man seine Vergangenheit nie loswird, solange man von Menschen umgeben ist, die davon wissen. So gibt es die Möglichkeit, in eine andere Stadt zu ziehen, die Kontakte zum sozialen Umfeld inklusive Familie zu beenden und sozusagen ein neues Leben anzufangen. Es liegt auf der Hand, dass man dafür einen hohen Preis zahlt, man verliert alle Menschen die einem viel bedeuten. Dafür lockt die Möglichkeit, ein Leben als “normale Frau” führen zu können, die nie wieder an ihre Vergangenheit erinnert wird und vorallem nicht Opfer von Gewalt oder Diskriminierung wird aufgrund ihrer Geschichte.

Ich persönlich halte diesen Weg für sehr gefährlich, aus mehreren Gründen.

Verlust des sozialen Netzwerks
Einerseits verliert man wie gesagt alle Freunde, das ganze soziale Netz ist von heute auf morgen weg. Niemand mehr der mit einem lacht oder weint, man ist ganz auf sich alleine gestellt, zumindest bis man ein neues soziales Netzwerk aufgebaut hat. Gerade für transsexuelle Menschen dürfte das sehr schwer sein. Aber diesen Aspekt kann man überstehen, man hat dafür das Zückerchen, dass man neue Freunde findet, die einem dann als 100%ige Frau wahrnehmen und nicht für ewig diesen Kerl in ihrem Hinterkopf behalten, der man scheinbar einmal gewesen sein soll.

Wenn alles vergebens war
Ein weiteres Risiko liegt darin, dass man nie wirklich sicher sein kann, ob man nicht doch irgendwann “entdeckt” und geoutet wird. Dann hat man zwar alles obgenannte verloren, aber nichts dazu gewonnen. Was bleibt ist die nächste Flucht. Auch dieses Risiko ist tragbar, eben weil man notfalls einen nächsten Versuch machen kann, aber damit nimmt man wieder einen langen und beschwerlichen Weg auf sich.

Der Paranoia-Faktor
Für mich der wesentlichste Faktor ist jedoch, dass man so ständig in Angst leben muss. Ein neu aufgebautes Leben “ohne Makel” kann von heute auf morgen zerstört werden. Das führt meines Erachtens schon fast zwangsläufig zu permanenter Angst, entdeckt zu werden – bis hin zum pathologischen Verfolgungswahn. Bei jeder Begegnung und jedem Gespräch muss man befürchten, dass etwas schief läuft und das ganze Kartenhaus auseinander fällt. Ich persönlich würde dabei durchdrehen, so gut kenne ich mich (was nicht heisst, dass Andere nicht damit umgehen können). Ich würde mich völlig verrückt machen und die Angst würde mir wie ein Schatten folgen. Dieser permanente Stress kann extrem zermürbend sein – ausser man hat Nerven wie Drahtseile.

Die Alternative – aufklären und standhalten
Aus obgenannten Gründen habe ich einen anderen Weg gewählt, ich tue genau das Gegenteil. Wer auch immer mich kennenlernt und es nicht von alleine merkt, wird von mir relativ schnell informiert. Nicht, weil ich glaube, eine Rechenschaftspflicht zu haben, sondern weil ich ebendieser Angst entgehen will. Ich bin eine transsexuelle Frau, habe mir das nicht ausgesucht und muss mich nicht dafür schämen. Dazu kann und darf ich stehen. Wenn jemand damit nicht klar kommt, kann er mir den Buckel runter rutschen, ich brauche keine Leute die so intolerant sind. Wenn ich in mein Stamm-Pub gehe, muss ich mir unterwegs und vor Ort keine Sorgen machen, entdeckt zu werden, man kennt mich und weiss wer und wie ich bin. Meine Erfahrung zeigt, dass die überwältigende Mehrheit mich genauso annimmt wie jede andere Frau. Diese Offenheit gibt mir enorme Freiheit und Gelassenheit, es gibt nichts zu verbergen, nichts zu entdecken, ich bin so wie ich bin und stehe zu mir und zu allen Fascetten meiner Wesensart. Deshalb kann ich es mir auch leisten, so ein Blog zu führen inklusive Fotos, auf denen man mich erkennen kann und wird. So what?

Selbst-Akzeptanz
Ich glaube, wenn man beginnt seine Transsexualität zu verstecken, beginnt man vor sich selbst davon zu laufen und man hört auf sich selbst zu respektieren als das was man ist, eine transsexuelle Frau die genauso gut oder schlecht ist wie Andere, die positive und negative Seiten hat, die geliebt und verachtet wird, eigentlich etwas was allen Menschen angedeiht. Wir sind TwoSpirits, Menschen die auf ihre Weise ganz speziell sind, die diese Welt aus zwei Seiten betrachten können. In vielen Kulturen würden wir geehrt – sollen wir diese unsere Eigenart verstecken, nur weil die westliche Kultur das nicht zu schätzen weiss? Nein, wir sind nicht besser als Andere, aber wir sind auch nicht schlechter, wir sind einfach anders, das ist Ausdruck inserer Individualität – dem Grundrecht eines jeden Individuums.

Oder doch Deep Stealth?
Man möge mich hier nicht falsch verstehen, wie bei allem was ich schreibe, ist es meine subjektive Meinung. Mein Weg kann und darf nicht Euer Weg sein, jede von uns ist ihres eigenen Glückes Schmied. Die Einen müssen das tun, was Andere nicht können, da gibt es kein richtig oder falsch. Ich denke, wenn es jemandem gelingt, so ein ganz neues Leben aufzubauen und wenn diese Person stark genug ist, die daraus resultierende Angst zu überwinden, dann kann das zu einem unbeschreiblich glücklichen Leben führen. Aber ich befürchte, dass sich die Meisten damit gehörig die Finger verbrennen würden und rate deshalb davon ab – nicht als allgemeingültiger Ratschlag sondern als Hinweis, sehr gut darüber nachzudenken, auf welche Weise man ein ruhigeres Leben führen kann.

Oder einmal mehr der goldene Mittelweg?
Vielleicht wäre für Viele sogar eine Mischung aus beiden Extremen der goldene Mittelweg. Warum nicht in eine neue Stadt ziehen, eine neue Arbeitsstelle annehmen und sich nicht outen. Warum nicht die wirklich guten Freunde und Verwandten behalten, in der Gewissheit, dass sie zwar den Kerl der Vergangenheit nie vergessen, einem aber nichtsdestotrotz lieben und schätzen? Wichtig dabei ist meines Erachtens nur eines, sich nicht darauf zu versteifen, dass man ja nie geoutet wird. Denn irgendwann wird es vermutlich soweit kommen und dann gibt es nur eine Lösung: Zu sich selbst stehen, mit erhobenem Haupt und sagen:

Ja, ich bin eine transsexuelle Frau – so what?



Apr
13
By: Diana | Discussion (4)

Das Outing dürfte einer der schwierigsten Aspekte sein, wenn man die soziale Geschlechterrolle dem Inneren anpasst. Die schlechte Nachricht ist, es ist eine harte Knochenarbeit. Die gute Nachricht ist, man ist in der Regel im Nachhinein erstaunt, wie leicht es doch war.

Alles oder nichts?
Als erstes stellt sich die Frage der Strategie, dabei gibt es zwei Wege. Entweder ich oute mich immer mal wieder in möglichst lang von einander liegenden Abständen beim Einen oder Anderen und ziehe diesen Prozess so bis zum jüngsten Tag hin, oder ich ziehe alles an einem Band durch. Meine Wortwahl zeigt bereits, was ich empfehle. Die Angst vor dem Outing ist riesengross, man befürchtet, dass man die ganze Welt verliert, niemand einem versteht und alle einem den Rücken kehren. Vielleicht ist dem so, vermutlich eher nicht. Aber diese Angst verführt einem dazu, das Outing stückweise zu vollziehen und damit quält man sich durch eine endlose Zeit und verlängert den Zustand der Angst immens. Ich selbst habe die Augen-zu-und-durch Variante gewählt und bin damit sehr gut gefahren.

Kettenreaktionen führen zum Super-GAU
Man neigt dazu, sich dazu verleiten zu lassen, dass man es möglichst wenig Leuten sagt und sich darauf verlässt, dass die Anderen es dann indirekt erfahren. So erspart man sich das direkte Outing, umgeht die Angst, aber was kommt dabei heraus? Man kennt das mit Gerüchten. Sage ich einer Person etwas und diese erzählt es weiter, wird nicht dasselbe ankommen. Nach der fünften Weitergabe bleibt nur noch wenig von der ursprünglichen Mitteilung übrig. Das ist der ideale Nährboden für Gerüchte und Fehlinterpretationen. Eine Kettenreaktion führt zu einer unkontrollierbaren Explosion.

Direkte Offenheit entwaffnet
Menschen sind überraschend lernfähig und noch überraschender tolerant. Wenn Du Dich vor jemanden hinstellst, ihm in die Augen schaust und ihm objektiv etwas erklärst, direkt und ohne scheu, dann wird das auch entsprechend ankommen. Missverständnisse beruhen auf Unwissen, die einzige Waffe dagegen ist Offenheit. Je weniger Du sagst, umso mehr muss interpretiert werden und umso mehr wird missverstanden. Offenheit braucht Überwindung, aber sie lohnt sich.

Augen zu und durch
Die Zeit vor dem Outing sind der pure Horror, man ersäuft in Angst, stellt sich die schlimmsten Worst-Case Szenarien vor und macht sich völlig verrückt. Und das wird solange dauern, bis man alle, wirklich alle Outings durch hat. Deshalb gibt es nach meiner Erfahrung nur einen Weg, zieh das so rasch wie möglich durch, von A bis Z. An dem Tag, an dem Du das letzte Outing hinter Dir hast, wirst Du erleichtert und frei sein, wie nie zuvor in Deinem Leben. Es gibt keine Angst mehr, keine Ungewissheit, Du bist jetzt wirklich frei Dich selbst zu sein. Vielleicht verlierst Du unterwegs einige Leute, aber diejenigen die einem deswegen den Rücken kehren, waren es nicht wert, weil gute Freunde einem nehmen wie man ist und nicht wie sie einem gern hätten. Ich habe diesen Weg gewählt, habe innert wenigen Tagen alle darüber informiert, wer ich bin, wer ich sein werde und was mich dazu treibt, mein Leben derart auf den Kopf zu stellen. Nach wenigen Tagen war der Spuk vorbei, es kostete unglaublich viel Kraft und ich musste die schlimmsten Ängste überwinden, aber lieber ein paar Tage die Hölle durchqueren als ein Leben lang gaaren.

Lösch das Feuer im Zentrum
Jeder Feuerwehrmann weiss, wenn Du am Rand des Feuers löschst, kannst Du bis zum jüngsten Tag löschen. Beginne im Zentrum, denn wenn das Zentrum mal gelöscht wird, verliert auch der Rest seine Kraft. So ist es auch mit den Outings. Man neigt dazu, lieber zuerst die einfachen Outings zu machen, sozusagen zum Üben. Aber so wird man während all der Zeit ständig von Furcht begleitet, weil es immer noch schlimmer wird. Ich habe den umgekehrten Weg gemacht und habe mit den Outings begonnen, vor denen ich mich am meisten gefürchtet habe. Schon wenn Du das erste und schwerste Outing hinter Dir hast, wird von da an alles nur noch einfacher, Du hast das Schlimmste hinter Dir. Man kann allenfalls zuerst die besten Freunde einweihen, von denen man annimmt, dass sie gut damit umgehen werden, sozusagen als Übung und um Mut zu bekommen. Aber man sollte keinesfalls die beängstigsten Outings bis zum Schluss aufsparen, das wäre total zermürbend und man wäre ständig von Angst begleitet.

Was muss gesagt werden
Es gibt verschiedene Gruppen von Menschen, denen man das Ganze unterschiedlich erklären muss. Einerseits ist es das persönliche Umfeld (Familie u.s.w.) der man sehr vertieft und nachfühlbar erklären muss, wie gross der Leidensdruck ist, der einem zu diesem Schritt zwingt. Dann gibt es das weitere Umfeld (Firma, Freundeskreis), denen man einfach die Fakten erklären muss.

Der engste Kreis
Der schwierigste Teil sind die engsten Freunde, die Familie und alle die einem wirklich lieben. Da reicht es nicht, sie einfach mit Tatsachen zu konfrontieren. Sie verlieren ihren Mann, Vater oder was auch immer. Ihnen muss man erklären, wie gross der Leidensdruck ein Leben lang war, wie wichtig es für einem ist, dass dies der einzige Weg ist um ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Wer einem liebt, der will, dass es einem auch gut geht. Das ist der Angelpunkt an dem man sich erklären muss. Wenn jemand Dich wirklich liebt und begreift, wie schlimm Dein Leben bisher war und wie glücklich Du sein könntest, dann kann diese Person nicht anders als Dich zu nehmen wie Du bist. Hier braucht es viele Gespräche und vorallem kompromisslose Offenheit.

Der weitere Kreis
Menschen im weiteren Freundeskreis wie Firma u.s.w. kommen nach meiner Erfahrung recht gut damit klar. Bei ihnen reicht es in der Regel, mit wenigen Worten zu erklären, dass man ein Leben lang gelitten hat und dass man sich nun das Recht nimmt, diesem Leiden ein Ende zu setzen. Menschen sind heutzutage sehr tolerant und die meisten gehen nach dem Motto: solange Du ein netter Mensch bist, kannst Du Mann, Frau oder Erdferkel sein, das ist mir egal. Bei meinen Outings im Geschäft habe ich mit allen gesprochen, aber meist nur wenige Minuten. Das reichte, damit sie akzeptieren konnten, dass ich halt fortan irgendwie anders in Erscheinung treten werde und in den Rest wachsen sie rein, früher oder später.

Halt den Kopf hoch
Wichtig bei allen Outings ist die richtige innere Einstellung. Du hast nichts zu beichten, es gibt nichts weswegen Du Dich schämen müsstest. Du hast ein Problem und das muss gelöst werden und Du weisst die Lösung und wirst diese auch vollziehen. Du legst kein Geständnis ab, Du informierst. Es ist Dein Leben und nur Du hast das Recht über Dich zu entscheiden. Du veränderst Dich, aufgrund des Rechts auf Selbstentfaltung, das jedem Lebewesen zusteht. Du bist nicht schlechter als Andere, Du bist nur ein wenig anders und diese Andersartigkeit ist kein Makel sondern einfach Deine ganz eigene Wesensart, die so gut oder schlecht ist wie jede Andere auch. Du gehörst zu den wenigen Menschen, die den Mut haben, für sich selbst einzustehen und sich selbst treu zu sein, dafür muss man sich nicht schämen, das zeichnet einem aus.

Das Positive überwiegt
Beim Outing riskiert man einiges, verliert vielleicht Menschen die einem lieb sind, aber die sind es wie bereits gesagt nicht wert. Wenn jemand Dich ablehnt, nur weil Du Dich selbst retten willst, dann verlierst Du nichts, einfach gar nichts an diesem Menschen. Nach meiner Erfahrung können die meisten Menschen überraschend gut damit umgehen. Sie sind irritiert, brauchen eine gewisse Zeit um mit dieser Veränderung klar zu kommen, aber schlussendlich mögen sie den Menschen der Du bist, ob Du nun Hosen oder Rock anhast.