Im Verlaufe der geschlechtsangleichenden Massnahmen kommt man mit viel Glück irgendwann soweit, dass Aussenstehende einem die transsexuelle Vergangenheit nicht mehr ansehen. Da Diskriminierungen mehr oder weniger zu unserem Alltag gehören oder zumindest stets das Risiko besteht, gehen Einige einen relativ radikalen Weg der sich “Deep Stealth” nennt. Dieser Ausdruck kommt soviel ich weiss vom Geheimdienst und bedeutet sinngemäss “vollumfängliches Untertauchen”. Der Gedanke dahinter ist der, dass man seine Vergangenheit nie loswird, solange man von Menschen umgeben ist, die davon wissen. So gibt es die Möglichkeit, in eine andere Stadt zu ziehen, die Kontakte zum sozialen Umfeld inklusive Familie zu beenden und sozusagen ein neues Leben anzufangen. Es liegt auf der Hand, dass man dafür einen hohen Preis zahlt, man verliert alle Menschen die einem viel bedeuten. Dafür lockt die Möglichkeit, ein Leben als “normale Frau” führen zu können, die nie wieder an ihre Vergangenheit erinnert wird und vorallem nicht Opfer von Gewalt oder Diskriminierung wird aufgrund ihrer Geschichte.
Ich persönlich halte diesen Weg für sehr gefährlich, aus mehreren Gründen.
Verlust des sozialen Netzwerks
Einerseits verliert man wie gesagt alle Freunde, das ganze soziale Netz ist von heute auf morgen weg. Niemand mehr der mit einem lacht oder weint, man ist ganz auf sich alleine gestellt, zumindest bis man ein neues soziales Netzwerk aufgebaut hat. Gerade für transsexuelle Menschen dürfte das sehr schwer sein. Aber diesen Aspekt kann man überstehen, man hat dafür das Zückerchen, dass man neue Freunde findet, die einem dann als 100%ige Frau wahrnehmen und nicht für ewig diesen Kerl in ihrem Hinterkopf behalten, der man scheinbar einmal gewesen sein soll.
Wenn alles vergebens war
Ein weiteres Risiko liegt darin, dass man nie wirklich sicher sein kann, ob man nicht doch irgendwann “entdeckt” und geoutet wird. Dann hat man zwar alles obgenannte verloren, aber nichts dazu gewonnen. Was bleibt ist die nächste Flucht. Auch dieses Risiko ist tragbar, eben weil man notfalls einen nächsten Versuch machen kann, aber damit nimmt man wieder einen langen und beschwerlichen Weg auf sich.
Der Paranoia-Faktor
Für mich der wesentlichste Faktor ist jedoch, dass man so ständig in Angst leben muss. Ein neu aufgebautes Leben “ohne Makel” kann von heute auf morgen zerstört werden. Das führt meines Erachtens schon fast zwangsläufig zu permanenter Angst, entdeckt zu werden – bis hin zum pathologischen Verfolgungswahn. Bei jeder Begegnung und jedem Gespräch muss man befürchten, dass etwas schief läuft und das ganze Kartenhaus auseinander fällt. Ich persönlich würde dabei durchdrehen, so gut kenne ich mich (was nicht heisst, dass Andere nicht damit umgehen können). Ich würde mich völlig verrückt machen und die Angst würde mir wie ein Schatten folgen. Dieser permanente Stress kann extrem zermürbend sein – ausser man hat Nerven wie Drahtseile.
Die Alternative – aufklären und standhalten
Aus obgenannten Gründen habe ich einen anderen Weg gewählt, ich tue genau das Gegenteil. Wer auch immer mich kennenlernt und es nicht von alleine merkt, wird von mir relativ schnell informiert. Nicht, weil ich glaube, eine Rechenschaftspflicht zu haben, sondern weil ich ebendieser Angst entgehen will. Ich bin eine transsexuelle Frau, habe mir das nicht ausgesucht und muss mich nicht dafür schämen. Dazu kann und darf ich stehen. Wenn jemand damit nicht klar kommt, kann er mir den Buckel runter rutschen, ich brauche keine Leute die so intolerant sind. Wenn ich in mein Stamm-Pub gehe, muss ich mir unterwegs und vor Ort keine Sorgen machen, entdeckt zu werden, man kennt mich und weiss wer und wie ich bin. Meine Erfahrung zeigt, dass die überwältigende Mehrheit mich genauso annimmt wie jede andere Frau. Diese Offenheit gibt mir enorme Freiheit und Gelassenheit, es gibt nichts zu verbergen, nichts zu entdecken, ich bin so wie ich bin und stehe zu mir und zu allen Fascetten meiner Wesensart. Deshalb kann ich es mir auch leisten, so ein Blog zu führen inklusive Fotos, auf denen man mich erkennen kann und wird. So what?
Selbst-Akzeptanz
Ich glaube, wenn man beginnt seine Transsexualität zu verstecken, beginnt man vor sich selbst davon zu laufen und man hört auf sich selbst zu respektieren als das was man ist, eine transsexuelle Frau die genauso gut oder schlecht ist wie Andere, die positive und negative Seiten hat, die geliebt und verachtet wird, eigentlich etwas was allen Menschen angedeiht. Wir sind TwoSpirits, Menschen die auf ihre Weise ganz speziell sind, die diese Welt aus zwei Seiten betrachten können. In vielen Kulturen würden wir geehrt – sollen wir diese unsere Eigenart verstecken, nur weil die westliche Kultur das nicht zu schätzen weiss? Nein, wir sind nicht besser als Andere, aber wir sind auch nicht schlechter, wir sind einfach anders, das ist Ausdruck inserer Individualität – dem Grundrecht eines jeden Individuums.
Oder doch Deep Stealth?
Man möge mich hier nicht falsch verstehen, wie bei allem was ich schreibe, ist es meine subjektive Meinung. Mein Weg kann und darf nicht Euer Weg sein, jede von uns ist ihres eigenen Glückes Schmied. Die Einen müssen das tun, was Andere nicht können, da gibt es kein richtig oder falsch. Ich denke, wenn es jemandem gelingt, so ein ganz neues Leben aufzubauen und wenn diese Person stark genug ist, die daraus resultierende Angst zu überwinden, dann kann das zu einem unbeschreiblich glücklichen Leben führen. Aber ich befürchte, dass sich die Meisten damit gehörig die Finger verbrennen würden und rate deshalb davon ab – nicht als allgemeingültiger Ratschlag sondern als Hinweis, sehr gut darüber nachzudenken, auf welche Weise man ein ruhigeres Leben führen kann.
Oder einmal mehr der goldene Mittelweg?
Vielleicht wäre für Viele sogar eine Mischung aus beiden Extremen der goldene Mittelweg. Warum nicht in eine neue Stadt ziehen, eine neue Arbeitsstelle annehmen und sich nicht outen. Warum nicht die wirklich guten Freunde und Verwandten behalten, in der Gewissheit, dass sie zwar den Kerl der Vergangenheit nie vergessen, einem aber nichtsdestotrotz lieben und schätzen? Wichtig dabei ist meines Erachtens nur eines, sich nicht darauf zu versteifen, dass man ja nie geoutet wird. Denn irgendwann wird es vermutlich soweit kommen und dann gibt es nur eine Lösung: Zu sich selbst stehen, mit erhobenem Haupt und sagen:
Ja, ich bin eine transsexuelle Frau – so what?
Die erste Zeit ist mit Abstand die Schwerste, das hat aber auch etwas Gutes, es geht von Tag zu Tag aufwärts
Zu Beginn sieht man ziemlich bescheiden aus, man wird von den meisten Menschen auf den ersten Blick als “Mann in Frauenkleidern” wahrgenommen und das tut grausam weh und braucht enorm viel Kraft und Rückgrat. Das führt bei den Meisten – auch bei mir – zuerst zu Vermeidungsstrategien und die sind absolut zerstörerisch und müssen bekämpft werden.
Ich bin eine TransFrau – na und?
Gerade weil man zu Beginn viele schräge Blicke oder Schlimmeres erdulden muss, ist es umso wichtiger, innerlich die richtige Einstellung zu haben. Widerstehe dem Drang, eine “normale Frau” zu sein und unerkannt zu sein. Steh zu Dir selbst. Du bist eine transsexuelle Frau, hast Dir das nicht ausgesucht und nicht verschuldet, Du bist einfach so und das ist ok. Die Glotzerei Deines Umfelds und allfälliges Gegrinse sind nicht Ausdruck Deiner Abartigkeit sondern Ausdruck des Unverständnisses. Die Leute sind irritiert, weil sie sowas in der Regel noch nie gesehen haben, lass sie gucken, das soll nicht Dein Problem sein. Eine Raupe ist irgendwie niedlich, ein Schmetterling ist wunderschön, aber der Cocoon sieht befremdend aus, damit musst Du leben – im Bewusstsein, dass Du mit der Zeit fliegen lernst.
Mit jedem Tag wird es besser
Gerade in der Anfangszeit, wenn Du viel beobachtet und belächelt wirst, halte Dir immer vor Augen, dass Du Dich fortan von Tag zu Tag entwickeln wirst. Am Anfang schauen Dich 90% der Leute blöd an, dann 80%, dann 70%, irgendwann aber wird der Tag kommen, an dem 90% der Leute Dich nicht mal mehr beachten, an dem Du ein Mädel unter Tausenden bist. Selbst dann wird es gelegentlich Leute geben, die Deine Andersartigkeit bemerken, aber diese sind bis dahin eine Minderheit und mit der wirst Du leben können. Aber es wird ganz langsam aufwärts gehen, so langsam, dass Du es kaum bemerkst. Doch eines Tages wirst Du zurückblicken und verwundert feststellen, dass alles anders geworden ist. Bei mir war es genauso, vor einem Jahr fühlte ich wie in einem Zoo, ich wurde angestarrt als ob ich ein Alien wäre, heute gehe ich in der Menge unter und nur noch selten schaut mich jemand irritiert an. Und selbst dann kann ich über der Sache stehen, weil mich diese ganze harte Zeit stark gemacht hat und ich heute zu mir stehen kann, als eine transsexuelle Frau, die sich für nichts zu schämen hat, gerade weil sie nichts anders tut als sich selbst zu sein, etwas was den meisten der sogenannt Normalen nie gelingt.
Den Mutigen gehört die Welt
Wichtig dabei ist, dass man sich nicht versteckt. Wozu erkämpfe ich mir mein Leben, wenn ich es dann im Geheimen leben muss? Ich habe ein Leben lang darunter gelitten, nicht mich selbst sein zu können. Jetzt kann und tue ich genau das, mich jetzt zu verstecken, wäre Verrat an mir selbst und würde meinen Weg zur totalen Sinnlosigkeit degradieren. Du hast Dich entschieden, Dich selbst zu sein und für Dich einzustehen, dann geh Deinen Weg und lass die Leute reden, oder lass sie lachen, lass sie spotten, aber geh Deinen Weg weiter, Dir selbst treu, so wirst Du wahres Leben finden!